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CHANCENGLEICHHEIT DURCH BILDUNG

TIPPS | 6 MIN. LESEZEIT

09.03.2022
Autorin: Sinja Burgemeister


Chancengleichheit und Bildung: Der Zusammenhang 

Laut Brockhaus wird Chancengleichheit als „das Recht auf gleiche Ausgangsbedingungen für die einzelnen Glieder von Staat und Gesellschaft bei der Entfaltung ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen“ definiert. Dieser Begriff ist auch in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen festgeschrieben - dort wird die Gewährung gleicher Chancen für jede:n Bürger:in eines Landes unabhängig des Geschlechts, der Herkunft, Religion oder Hautfarbe gefordert. Dennoch zeigen sich auch heute noch Defizite in der Umsetzung von Chancengleichheit. Und das in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Bildung. Letzteres wird in diesem Beitrag thematisiert. Wie kann Chancengleichheit im Bildungsbereich initiiert werden? Welche Rolle spielt die (Weiter)Bildung in diesem Zusammenhang? Und kann Chancengleichheit durch (Weiter)Bildung gefördert werden?

SOZIALE HERKUNFT UND GESCHLECHTERROLLEN: CHANCENGLEICHHEIT DER BILDUNG

Als Basis vorab eine kurze Einführung in das Deutsche Bildungssystem: Es gliedert sich in fünf Stufen - die Primarstufe (Grundschule), die Sekundarstufe I (Weiterführende Schulen), die Sekundarstufe II (Gymnasiale Oberstufe und Berufsschulen) gefolgt vom tertiären (Fachhochschulen und Hochschulen) sowie quartären Bereich. Zu letzterem zählen Weiterbildungen.  

Es zeigt sich deutlich: Die soziale Herkunft und Voraussetzung beeinflussen unmittelbar die Wahl des Bildungswegs. Insbesondere die Sekundarstufen und den tertiären Bereich. Denn gerade diese Bildungswege werden noch stark vom Elternhaus und der Herkunft beeinflusst. Ein direkter Zusammenhang besteht zum Beispiel in der Wahl der Sekundarstufe II und des tertiären Bereichs. Das zeigt auch eine Sonderauswertung des Pisa-Tests 2015 der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Knapp 15 Prozent der deutschen Erwachsenen mit Eltern ohne Abitur erreichen demnach ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Im Durchschnitt der meisten OECD-Länder sind es 21 Prozent. Was das bedeutet? Dass Kinder bzw. Jugendliche tendenziell den gleichen oder einen ähnlichen Bildungsweg einschlagen wie ihre Eltern. Zwar ist die Wahl des Bildungswegs immer individuell und Wertungsfrei zu betrachten, dennoch offenbart diese Beobachtung, dass die soziale Herkunft bereits die Anfänge des Karriereweges mitbeeinflussen. Womit die Chancengleichheit automatisch nicht gegeben ist, da der soziale Aufstieg vom Elternhaus determiniert wird. Ein Problem, dass sich nicht nur in Deutschland beobachten lässt: In nahezu allen Ländern hängt der Bildungserfolg von Heranwachsenden mit ihrer sozioökonomischen Herkunft zusammen.  

Ungleiche Chancen bei der Wahl des Bildungsweges enden nicht bei der sozialen Herkunft, auch das Geschlecht wirkt beeinflussend. Denn ein hoher Anteil der Mädchen beschränkt sich auf das enge Spektrum sogenannter "frauentypischer" Ausbildungsberufe wie Einzelhandelskauffrau, Bürokauffrau, Arzthelferin, oder Kinderbetreuung. Diese Berufe kennzeichnend sich meist durch hohes Berufsrisiko, geringe Aufstiegschancen und schlechtere Bezahlung. Jungen dagegen wählen häufiger Ausbildungsberufe, die mehr Möglichkeiten der beruflichen Weiterentwicklung und besseren Bezahlung bieten und vorwiegend im gewerblich-technischen und wirtschaftlichen Bereich liegen. So etwa Kfz-Mechaniker, Industrieelektroniker, Datenverarbeitungsberufe, kaufmännische Ausbildungsberufe und IT-Berufe. Die gesellschaftliche Rollenverteilung, also die von außen kommenden Erwartungen, beeinflussen bereits frühzeitig die Berufswahl von Kindern und Jugendlichen.  

Diese Voraussetzungen verlieren erst im Laufe des Lebens an Bedeutung. Dann, wenn sich Kinder vom Elternhaus lösen, ausziehen und ihre eigenen Werte entwickeln sowie ihren ganz individuellen Platz in der Gesellschaft finden. Und damit ist es noch nicht zu spät, einen anderen Karriereweg einzuschlagen. Denn wie bereits angemerkt, gibt es nicht nur den geradlinigen Bildungsweg, sondern auch noch den quartären Bereich – also die Weiterbildungen. Eine Möglichkeit, sich nachträglich neues Wissen anzueignen, einen Quereinstieg zu schaffen und neue Job-Chancen wahrzunehmen. Kann lebenslanges Lernen im Erwachsenenalter die Chancengleichheit der Bildung im Kindes- und Jugendalter ausgleichen oder sogar neu ausrichten? 

EGALITÄT: IST LEBENSLANGES LERNEN DIE LÖSUNG?

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Dass Chancengleichheit und Bildung eng miteinander verknüpft sind ist offensichtlich. Darum wurde Mitte der 60er Jahre die Forderung nach Chancengleichheit im Bildungswesen in Deutschland verwirklicht: Die soziale Herkunft und die unterschiedliche finanzielle Ausstattung dürfen demnach nicht über den Bildungsweg entscheiden oder ihn beeinflussen. Soviel zur Theorie, doch die Praxis sieht noch anders aus. Um die bereits genannten Hürden der Chancengleichheit durch Bildung zu überwinden, nimmt Weiterbildung einen hohen Stellenwert ein. Denn Lernwilligen kommt eins zugute: Berufliche Chancengleichheit kann auch nach dem anfänglich eingeschlagenen Bildungsweg durch eine Erweiterung des Wissens und der Kompetenzen erzielt werden.  

Für die individuelle Kompetenz, ökonomische Innovation, soziale Integration und politische Partizipation ist Weiterbildung enorm wichtig. Um also Chancengleichheit herzustellen, ist die Förderung des lebenslangen Lernens unumgänglich. Sowohl moralisch - also die Chancengerechtigkeit betreffend - als auch wirtschaftlich betrachtet. Insbesondere in der aktuellen Zeit des schnellen Wandels der Arbeitswelt durch die Digitalisierung und Globalisierung: Es reicht nicht mehr aus, auf einem Wissensstand stehen zu bleiben. Um mit den Jobveränderungen und Anforderungen der Zukunftsjobs mithalten zu können, bedarf es einer stetigen Wissenserweiterung und -auffrischung.  

Zwar kann die Erwachsenenbildung Chancengleichheit unterstützen, sie ist gleichzeitig jedoch auch häufig von sozialer Ungleichheit betroffen. Wo kann also angesetzt werden, um Chancengleichheit aktiv zu unterstützen? Und allen Menschen, die sich für Weiterbildungen interessieren und lebenslanges Lernen forcieren die gleichen Chancen einzuräumen?

CHANCENGLEICHHEIT DANK BILDUNG: MASSNAHMEN UND ANSTÖSSE

Weiterbildung kann aktiv dabei unterstützen, Chancengleichheit herzustellen - sowohl im gesellschaftlichen als auch im beruflichen Kontext. Denn Beruf und sozialer Stand sind eng miteinander verknüpft. Um allerdings durch lebenslanges Lernen dieser Aufgabe nachzukommen, müssen auch Weiterbildungsanbietende dafür sorgen, dass gleiche Chancen für Alle bestehen: Unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft, finanziellem Background und der familiären Situation. Was können Weiterbildungsanbietende konkret tun, um Chancengleichheit in der (Weiter)Bildung herzustellen? 

1. FÖRDERUNGSMASSNAHMEN FÜR WEITERBILDUNG

Förderungen wie der Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit schaffen finanzielle Chancengleichheit, in dem alle Arbeitssuchenden ihre Weiterbildung bei zertifizierten Weiterbildungsanbietenden – wie der IU Akademie – kostenlos absolvieren können. Die Förderfähigkeit wird vom Jobcenter oder der Agentur für Arbeit individuell geprüft.

2. FAIRE ANMELDEVORAUSSETZUNGEN

Chancengleichheit in der Erwachsenenbildung scheitert teilweise bereits bei den Anmeldevoraussetzungen. Hier sollten Weiterbildungsinstitute darauf achten, weder Altersgrenzen noch einen gewissen Bildungsabschluss vorauszusetzen. Bei Weiterbildungen liegt der Fokus darauf, die durch Bildung und Berufserfahrung aufgebauten Kenntnisse nachträglich auszubauen. Und diese Möglichkeit sollte Allen gegeben sein - unabhängig des Alters und Bildungsgrads.

3. FLEXIBILITÄT ERMÖGLICHEN

Weiterbildung muss anpassungsfähig sein und in jeden Alltag passen. Daher ist Flexibilität insbesondere bei Weiterbildungsmaßnahmen heute und in Zukunft ein wichtiger Aspekt zur Förderung von Chancengleichheit. Denn nur wenn Erwachsenenbildung entsprechend flexibel gestaltet wird, passt sie sich auch den Lebensumständen der Teilnehmenden an. Seien es Einschränkungen durch Familie, Kinderbetreuung oder Arbeitszeiten. Es gibt viele Lebensmodelle – und für jedes sollte Weiterbildung möglich sein.

4. QUEREINSTIEG ERLEICHTERN

Weiterbildungsteilnehmende haben häufig die Intention, nach der Weiterbildung einen neuen Job auszuüben, die Branche zu wechseln und sich umzuorientieren. Denn der Quereinstieg ist eine wichtige Möglichkeit, um aus früheren, sozioökonomisch vorgegebenen Mustern, auszubrechen. Daher müssen Weiterbildungsangebote immer auf dem neusten Stand sein und auf Jobs mit Zukunftspotential vorbereiten. Nur so lässt sich ein Quereinstieg ermöglichen und zahlt sich langfristig aus.

5. TEILNAHME ERMÖGLICHEN

Ähnlich wie die Anmeldevoraussetzungen muss auch die Teilnahme für alle Weiterbildungswilligen möglich sein. Das heißt: Weiterbildungsanbietende müssen auf Barrierefreiheit und die Bereitstellung von notwendigem technischem Equipment achten. Nur so ist Chancengleichheit auch bei der Teilnahme der Weiterbildung gegeben. Online-Weiterbildungen mit digitalen Lehr- und Lernformaten sind in Punkto Barrierefreiheit einen entscheidenden Schritt voraus.

6. ZUSÄTZLICHE UNTERSTÜTZUNG

Während der Weiterbildung und danach zählt nicht nur das neue Know-how. Einige Weiterbildungsteilnehmende haben sich schon seit mehreren Jahren nicht mehr beworben – sind also mit den Veränderungen des Bewerbungsprozesses nicht vertraut. Auch hier kann Chancengleichheit ansetzen. Durch ergänzendes Coaching können zusätzliche Bewerbungskompetenzen und Insights zum Arbeitsmarkt vermittelt werden, um Teilnehmende bei ihrer Arbeitssuche zu unterstützen und die Eingliederung zu erleichtern.

ECHT ENGAGIERT: DIE UNICEF BILDUNGSINITIATIVE „LET US LEARN“

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Mit der Bildungsinitiative Let Us Learn ("Lasst uns lernen") hilft UNICEF benachteiligten Kindern. Das Ziel: Auch den ärmsten Mädchen und Jungen Zugang zu guter Bildung zu verschaffen. Denn Bildung gibt Menschen auf der ganzen Welt die Hoffnung auf ein besseres Leben. Let Us Learn wurde 2011 ins Leben gerufen. In zehn Jahren erhielten dank Let Us Learn über 1,2 Millionen Kinder und Jugendliche (darunter mehr als die Hälfte Mädchen) sowie Lehrer:innen eine bessere Bildung bzw. Aus- und Fortbildung. Die Let-Us-Learn-Projekte verfolgen einen innovativen Ansatz und reichen von der Vorschulförderung über Grundschulen bis hin zu Kursen für Jugendliche. Dabei werden Mädchen besonders gefördert, denn:

Chancengleichheit ist der Grundstein einer funktionierenden Gesellschaft.

Nichts verpasst – zusammengefasst:

Chancengleichheit und Bildung geht miteinander einher. Das zeigt sich bereits im Kindes- und Jugendalter und zieht sich teilweise aufgrund manifestierter sozioökonomischer Voraussetzungen, der Herkunft und des Geschlechts bis ins Erwachsenenleben. Das bedeutet auch, dass der Karriereweg häufig durch ungleiche Chancenverteilung vorgegeben ist. Bei der Erreichung von Chancengleichheit im beruflichen Kontext kann Weiterbildung und lebenslanges Lernen helfen. Denn durch neues Know-how und Fähigkeiten, können der Quereinstieg und höhere Job-Ziele erreicht werden. Dafür müssen jedoch auch die Voraussetzungen der Weiterbildungsangebote stimmen – besonders wichtig dabei: Barrierefreiheit, Förderungen und Flexibilität. So werden Weiterbildungen für Alle zugänglich gemacht und helfen letztendliche dabei, Chancengleichheit in der Gesellschaft sukzessive herzustellen.

Ich lebe in Innsbruck und bin Redakteurin an der IU Akademie. Ich liebe gute Magazine, das Schreiben und die Berge - ob im Sommer zum Wandern oder im Winter auf der Piste. Wenn es für mich mal nicht in die Natur geht, rolle ich auch gerne die Yogamatte aus oder tausche die Tastatur des Laptops gegen die Tasten am Klavier.
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Sinja Burgemeister
Autorin & Redakteurin IU Akademie
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